Max Goldt – Blödmann

Wenn man durch diese Stadt geht – oder, wenn es sein muß, auch durch eine andere –, trifft man leider alle naslang einen Blödmann, der sich wahrscheinlich auf dem Weg in ein Lokal befindet, wo sie dann alle sitzen und selbstgedrehte Zigaretten rauchen, die Blödmänner. Blödmann wie Blödfrau trinkt Weizenbier, zu viert, zu fünft, zu sechst, an einem runden Tisch mit einem Aschenbecher in der Mitte. Aus Lautsprecherboxen dringt Lautstärke, und statt daß mal ein Blödmann horcht und endlich feststellt, daß da nichts Hörenswertes, sondern Dummes dröhnt, lassen sie ihrerseits aus ihren Mündern noch zusätzlich Lautstärke quellen. Was gibt es da wohl zu bereden? Werden da Meinungen ausgetauscht oder – was wohl besser wäre – Kenntnisse und Ideen? Aber nein, denn sie alle haben dieselbe Meinung und dieselben Ideen, da sie alle die gleiche Zeitung lesen. Noch nie ist es in einer Blödmannstube vorgekommen, daß sich einer erhob und rief: «Stoppt die Lautsprecher! Tötet die miese Musike! Ich habe eine Idee!» Und wenn das mal passierte: Keiner würde hinhören. Vernarrt sind sie, die Blödmänner, in das Gemisch aus Qualm und Lautstärke – Atmosphäre nennen sie’s (Blödmänner verwechseln alles) – und wünschen, nicht von Ideen behelligt zu werden. Und solang man so duldsam wie bisher mit ihnen umspringt, wird sich da kein Jota ändern, oder vielleicht doch – ja, jetzt: Ich pack mir einen Blödmann an der Gurgel oder am Revers und sag ihm mutdurchdrungen folgendes: «Schweig mal drei Minuten, Blödmann! Kannst du das? Du verwechselst alles miteinander, rauchst selbstgedrehte Zigaretten, in Deutschland ist es dir zu kalt, und zu jedem Schund hast du eine deiner berühmten eigenen Meinungen; kurz gesagt: Du bist ein Blödmann. Ein lausiger Lauthals, Dreinredner und Lautsprecher-Typ. Was deine Meinungen angeht, laß dir gesagt sein, daß es voll und ganz ausreicht, wenn ich mir die Mühe mache, auf Standpunkten zu stehen. Sei dankbar dafür, daß ich diese Arbeit übernehme, applaudiere mir und schweig ansonsten, zu mehr taugst du nicht!» So redete ich eben, Adressat war ein Blödmann, der jetzt glotzt. Ich greif mir den Verdatterten, schleife ihn in meine Wohnung und fahre natürlich unverzüglich mit meinem berechtigten Levitenlesen fort:
«Was bibberst du, Blödmann? Ist es dir zu kalt? Ich habe 18 Grad hier, und das ist gerade richtig. Ich sage dir: In Deutschland ist es nicht zu kalt. Das Wetter ist immer gerade richtig. Die Sonne scheint immer im rechten Moment, und wenn es mal regnet oder schneit an einem Tag, dann heißt das eben, daß Sonnenschein an diesem Tage nichts zu suchen hat bei uns und daher freundlicherweise und logischerweise wegbleibt. Man muß dem Wetter immer beipflichten. Blödmänner begreifen das natürlich nicht. Kaum daß sich bei ihnen ein bißchen Geld versammelt hat, lassen sie alles stehen und liegen und fahren in kochendheiße Länder mit riesigen Insekten und bekloppten Religionen, wo regelmäßig überfüllte Fähren kentern. Dort leben sie für ungeheuer wenig Geld und prahlen dann zu Haus damit, als ob es ihr Verdienst wär oder eine Leistung, für fünf Mark zu übernachten oder sich für zwei Mark satt zu essen, incl. Getränke. Am liebsten würden sie das ganze Jahr hindurch ‹da unten› bleiben. Je nun, das liebe Geld. Blödmänner haben immer kein Geld. Wer keines hat, muß sich halt was verdienen; und wenn man es nicht gleich wieder ausgibt für unnütze Autos und Urlaubsreisen, dann wird es mehr und mehr, und irgendwann ist man reich. Was denn, du willst widersprechen und mal wieder anders meinen? Ich will nichts hören. Wo hast du sie nur alle zusammengeschnorrt, deine ewigen Meinungen über dies und das und jenes? Ich kann es mir schon denken! In Lokalen, wo es nach selbstgedrehten Zigaretten und sogenannter Kreativität riecht und wo hämestrotzende Zeitungen ausliegen, gefüllt mit Neins und kessen Meinungen, die du und deine Besserwisserkompanie sich gierig einverleiben, bis ihr prallvoll Meinung seid. Billige Pralinen! Was, schon wieder Widerworte? Das hört jetzt auf. Hier habe ich ein Messer, da auch eine Axt, und hier ist noch ein dicker fetter Vorschlaghammer. Du kannst wählen. Ach was, ich frag dich gar nicht erst, du hast genug gesagt in deinem Leben.»

Ja, Blödmann, jetzt liegst du in meinem Bett, wo ich ausgerechnet so einen wie dich nun wirklich nicht gern haben wollte. Doch jetzt bist du darin am besten aufgehoben. Sprichst du? Leise sagst du, du müßtest jetzt wohl sterben. Wo hast du das nun wieder her, was ist wieder das für eine Meinung? An so was stirbt man doch nicht gleich. Aber Blödmänner jammern halt immer herum. Still, Blödmann, Lauthals, Jammervogel, still ist es geworden. Die Lautsprecher sind abgestellt, ich höre keine mehr. Miese Musik mag es irgendwo weit fort noch geben, doch ich höre keine mehr. Ist es nicht schön, wenn es still ist, Blödmann? Hast du Hunger oder Durst? Nein? Ist es nicht schön, auf der Bettkante zu sitzen, neben sich einen, den langsam die Kräfte verlassen? Ist das schön, Blödmann? Soll ich mich zu dir legen? Was meinst du, Blödmann?
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Aus: Max Goldt – Ungeduscht, geduzt und ausgebuht, A-Verbal-Verlag, B. (März 1991) ISBN 978-3889990068

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