freudlos durchgetaumelt – Stimmenrausch 2014-11-11

Mezz Mezzrow, zum 115ten; Hedy Lamarr, zum 100sten; Robert Frank, zum 90sten; Carl Sagan, zum 80sten; Phil May, zum 70sten; Stieg Larsson, 10ter Todestag (9. November)

Denke ich an einen neuen Roman, denke ich wieder nur an Auschwitz.
aus: “Galeerentagebuch”, übersetzt von Kristin Schwamm, Berlin 1993

Wenn ich im Konzentrationslager überleben will, muss ich seiner Logik folgen. Diese willentliche oder nicht willentliche Kollaboration ist die größte Schande des Überlebenden, er kann sie nicht eingestehen. Der Schriftsteller kann es. Denn die Literatur besitzt eine besondere Aufrichtigkeit.
aus: Stuttgarter Zeitung, 14. Oktober 2006

Ich habe den Literaturnobelpreis nur bekommen, weil man die Literatur des Zeugentums preisen wollte. Man hat mich vorher nach Stockholm eingeladen, um eine Rede zu halten. Aber in Wahrheit wollte man wissen, ob ich eine akzeptable Figur abgebe oder ob ich mein Rührei mit den Händen esse. Man kann nicht viel dagegen tun. Man ist ohnmächtig diesen Mächten gegenüber.
im Gespräch mit Iris Radisch, in: Die Zeit, 21. September 2013

Imre Kertész, zum 85sten

gewaltmarsch

Verrückt, wer niederstürzt dann aufsteht, weitergeht,
und als wandelnder schmerz füß’ und knie bewegt
und trotzdem geht, als ob ihn flügel tragen,
und vergebens ruft der graben, – zu bleiben wagt er nicht,
und wenn du fragst: warum? erzählt er noch vielleicht,
daß ihn seine Frau erwartet und ein weisrer, schöner tod.
Verrückt, du herzensguter, weil dort anstatt des heims
seit langem schon versengter wind sich spielt,
die mauern eingestürzt, der zwetschkenbaum zerbrochen
und angsterfüllt, geschwollen die heimatliche nacht.
Oh, wenn ich glauben könnt, daß nicht bloß in meinem herz
all das, was zählt, verborgen und eine statt, wohin
zurück ich kommen kann ‘s noch gibt; wo, wie dereinst vorm haus,
des friedens bienen summen, während marmelade kühlt,
und des späten sommers stille sich sonnt auf den verträumten gärten,
die früchte in den kronen schaukeln nackt im wind,
und Fanni vor der roten hecke mit ihrem blonden schopf
und schatten malt bedächtig der träge nachmittag, –
und womöglich doch kein traum! so voll lacht heut der mond!
Mein freund, bleib stehn schreie mich an! und ich werd weitergehn!

Bor, 15. September 1944

Miklós Radnóti, zum 70sten Todestag; aus dem Ungarischen von Clemens Prinz

mit dem leben ist es nämlich wie mit dem sterben:
“menschen (also: wir), die sich weigern, den kampf zu beenden, –
sie gewinnen entweder oder sie sterben,
anstatt zu verlieren und zu sterben.”

Holger Meins, zum 40sten Todestag; aus seinem letzten Brief vom 31. Oktober 1974

bis jetzt !!!!!!!
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