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Ein Auszug aus ‘Agnes’ von Peter Stamm:

Nach dem Essen mußte ich mich neben Agnes an den Schreibtisch setzen. Sie schaltete den Computer ein und öffnete ein Textfile.
»Lies«, sagte sie.
Ich begann zu lesen, aber kaum hatte ich die ersten Sätze überflogen, unterbrach sie mich und sagte: »Siehst du, ich habe auch eine Geschichte geschrieben. Ich möchte mehr schreiben. Wie findest du es?«
»Laß mich erst lesen«, sagte ich. Aber sie war zu gespannt, um ruhig neben mir zu sitzen.
»Ich geh und mache uns einen Kaffee.« Ich las.

Ich muß gehen. Ich stehe auf. Ich verlasse das Haus. Ich fahre mit dem Zug. Ein Mann starrt mich an. Er setzt sich neben mich. Er steht auf als ich aufstehe. Er folgt mir, als ich aussteige. Wenn ich mich umdrehe, kann ich ihn nicht sehen, so nahe ist er mir. Aber er berührt mich nicht. Er folgt mir. Er spricht nicht. Er ist immer bei mir, bei Tag und in der Nacht. Er schläft mit mir, ohne mich zu berühren. Er ist in mir, er füllt mich aus. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich nur ihn. Ich erkenne meine Hände nicht mehr, meine Füße nicht. Meine Kleider sind zu klein, meine Schuhe drücken, mein Haar ist heller geworden, meine Stimme dunkler. Ich muß gehen. Ich stehe auf. Ich verlasse das Haus.

Ich hatte den Text schnell und oberflächlich gelesen. Ich war ungeduldig. Verlegen lächelnd kam Agnes aus der Küche zurück. Wir setzten uns wieder an den Eßtisch. Die Kerzen waren beinahe heruntergebrannt.
»Und?« sagte sie.
»Kaffee?« fragte ich. Ich hatte keine Lust, ihren Text zu beurteilen, und nahm es ihr übel, daß sie mich dazu zwang. Als sie sich entschuldigte und mir Kaffee eingoß, schämte ich mich.
»Schau«, begann ich. Ich hielt ihren erwartungsvollen Blick nicht aus, nahm meinen Kaffee und trat ans Fenster. »Schau, man setzt sich nicht einfach hin und schreibt in einer Woche einen Roman. Ich schreibe ja auch keine Computerprogramme.«
»Es ist doch nur eine kurze Geschichte«, verteidigte sich Agnes.
»Ich kann sie nicht beurteilen«, sagte ich, »ich will es nicht. Ich bin kein Schriftsteller.«
Agnes schwieg, und ich schaute hinaus auf die Straße.
»Du mußt nicht«, sagte sie.
»Sie kommt mir vor wie eine mathematische Formel«, sagte ich, »wie wenn du irgendwo im Kopf eine Unbekannte X gehabt hättest, die es zu finden gilt. Die Geschichte wird immer enger, wie ein Trichter. Und irgendwann ist das Resultat null.«
Ich redete noch eine Weile so dahin und glaubte wohl selbst an das, was ich sagte. Es ging schon lange nicht mehr um die Geschichte. Vielleicht war sie wirklich nicht gut, sicher aber war sie besser als alles, was ich in den letzten zehn Jahren geschrieben hatte.
»Du liest ja nicht einmal«, sagte ich schließlich, »du hast ja keine Bücher. Wie willst du schreiben, wenn du nicht liest?«
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