wortsmythend – Stimmenrausch 2014-09-15

Die Lobeserhebungen, die man an das ieztlaufende Zeitalter verschwendet, heben sich reichlich gegen die Klagen auf, welche über den Verfall desselben geführt werden; und das achtzehnte Jahrhundert unterscheidet sich von allen vorhergehenden durch die Menge von widersprechenden Komplimenten und Sottisen, die man ihm von allen Seiten aufbürdet. Bei den gutgemeinten Beiwörtern aufgeklärt und philosophisch, womit manche das Zeitalter bestechen zu wollen scheinen, läuft man nicht so sehr Gefahr alle Geduld zu verlieren, als wenn man unbärtige Knaben an deren Seelen die Ammenmilch noch klebt, und entnervte Greise die anfangen von männlicher Energie zu träumen, wenn das Gedächtniß einer beschämenden Würklichkeit in ihnen erloschen ist, unabläßig wehklagen hört, daß Größe und Kraft, und ihre Gefährtinn, die Tugend, ausgestorben sind unter den Menschen.

Ludwig Ferdinand Huber, zum 250sten; in: “Ueber moderne Größe.” 1786 herausgegeben von Friedrich Schiller

Er ist der nackte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer unfaßlich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und gründlich ist, schamlos ausgemessen haben will und mit einer Frechheit, die ich nicht begreife, seine Formeln, die oft nur leere Worte und immer nur enge Begriffe sind, zu ihrem Maßstabe macht. Er hat keine Einbildungskraft, und so fehlt ihm nach meinem Urteil das notwendigste Vermögen zu seiner Wissenschaft, denn die Natur muß angeschaut und empfunden werden in ihren einzelnsten Erscheinungen wie in ihren höchsten Gesetzen.

Friedrich Schiller, 1797 in einem Brief an Körner über Alexander von Humboldt, dem zum 245sten

Und daß wir Licht und Schwerkraft ganz begreifen,
So hat ein Pol den andern bei den Haaren,
Im kleinsten Winde bläst das Absolute.

Karl Friedrich Gottlob Wetzel, zum 235sten; im Gedicht “Philosophische Poesie”

“In der Jugend lesen wir unsere Dichter freilich ohne allen Commentar, wir folgen ihnen entzückt durch Hell und Dunkel, und das Uebermaß des Genusses, den wir aus dem Verstandenen schöpfen, führt uns über das wenige Klare leicht hinweg, ja nicht selten liegt auch in diesem noch ein Reiz des Ahnungsvollen, der den Genuß erhöht. Ebensowenig wie das allseitige Verständniß des Inhalts kümmert uns der tiefe Bezug des Gedichts zu dem Dichter, wir singen sein Lied und fragen nicht, wie es entstanden sei, wir feiern wol den Namen des Dichters, aber lassen es bei dem Namen bewenden.”

Hermann Marggraff, zum 205ten;
zitiert Karl August Varnhagen von Ense aus “Denkwürdigkeiten und vermischte Schriften” (1837) in “Schiller’s und Körner’s Freundschaftsbund” von 1859
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