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Nachdem wir nun also allen notwendigen Input vermittelt bekommen haben, kommen wir in die Phase der Verarbeitung. Dieses Portfolio ist eine kursbegleitende Hausarbeit. Im zehnten Modul beleuchteten wir Krisen, deren Entstehung und deren Bewältigung aus verschiedenen Blickwinkeln. Offenbar gibt es also typische Phasen oder Eigenschaften, die man als Gemeinsamkeiten von Krisen festhalten kann. Als da wären:

1. Vorlauf
2. Beginn
3. Mitte oder akute Phase
4. Abklingen
5. Bewältigung oder Arrangement mit der Situation

Um entstehende Krisen also gar nicht erst zum Ausbruch kommen zu lassen oder sie frühzeitig abzufedern, gilt es, das besondere Augenmerk auf den Vorlauf zu richten und sich über seine Frühwarnzeichen im Klaren zu sein. Als eine typische Gemeinsamkeit kann hier eine gesunde Schlafhygiene genannt werden, also die ausreichende Quantität und Qualität des Nachtschlafes. Wenn die Krise beginnt, sich zu manifestieren, können wir uns im Klaren darüber sein, noch möglichst früh gegenzusteuern. Es kann allerdings auch Fälle geben, wo dieses Gegensteuern so viel Kraft kostet, dass es an die Substanz geht, also wird man in Einzelfällen auch eine Krise bewusst *durchleben* oder das Risiko einer akuten Phase oder gegebenenfalls einer Manie eingehen. Auch in akuten Phasen gibt es jedoch meistens noch sogenannte Realitätsinseln, in denen der Kontakt zur Umwelt und damit zu uns Genesungsbegleitern aufrecht erhalten werden kann. In diesen Fällen gilt es, von Insel zu Insel zu arbeiten. Weiterhin festzuhalten gilt es, dass es ein Bewusstsein zu schaffen gilt, dass eine Phase, so belastend sie auch sein mag, als temporär zu bewerten ist und man das Gefühl vermittelt: es geht wieder vorbei. In so gelagerten Fällen ist es schon hilfreich, einfach schon *dazusein* und zuzuhören und Verständnis zu entwickeln.

Für mich persönlich war meine Krisenerfahrung ein solch prägendes Erlebnis, dass es meinem Leben überhaupt erst eine Richtung gegeben hat. Die Möglichkeit jederzeitiger Rückfälle schweben wie ein Damoklesschwert über mir. Ich möchte jedoch betonen, dass eine Krise auch immer eine Chance für Veränderung bedeutet. Eine Ex-In-Massnahme kann auch ein anstoßendes Element auf einem Recoveryweg sein. In der jetzigen Phase ist der Teufelskreis meines Lebens als Dauer- oder Drehtürpatient unterbrochen, er gilt jedoch vollständig beendet zu werden. Hier ist eine weitere Stabilisierung und eine Tätigkeit als Genesungsbegleiter anzustreben. Jedenfalls habe ich durch die weitere Ausbildung mein bisheriges Tätigkeitsfeld im IT-Sektor um eine Option erweitert. Die Krisen, die ich er- und durchlebt habe, haben mich zum Survivor gemacht. Doch dort möchte ich nicht stehenbleiben, als Transcender kann ich meine Erfahrungen eventuell soweit transzendieren, dass ich es schaffe, die durchlebten schweren Zeiten als wertvollen Erfahrungsschatz umzudeuten.

Also welche Funktion erfüllen Krisen ? Dies ist sicherlich sehr persönlich. Wir haben jedoch einige Punkte gefunden, die ich an dieser Stelle nennen möchte.

Eine Krise kann Folgendes bedeuten oder darstellen:

– ein Signal von Körper und Seele, etwas zu ändern
– setzt Energie frei
– ist eine Überlebensstrategie
– ist ein Lernfeld
– ist eine Chance zur Klärung für sich selbst und das Umfeld
– die Rückschau bietet die Chance zur Neubewertung

Kommen wir nun zu den ebenfalls zu beachtenden Grenzen unserer zukünftigen Tätigkeit. Es gibt eine Reihe von No-Go-Areas. Hierzu gilt es, sich Folgendes bewusstzumachen:

– Alle Fragen der Medikation müssen in Ärztehände abgegeben werden.
– Es können sehr wohl Gespräche geführt werden, aber für Psychotherapie fehlt uns die Ausbildung.
– Körperkontakt ist in der Regel zu vermeiden, gegebenenfalls muss sich im Vorhinein ein Einverständnis eingeholt werden (Umarmung zur Begrüßung, Handhalten)
– Es gilt, privates und dienstliches strikt zu trennen, dies gilt in beide Richtungen, also keine Therapierung von Bekannten und Freunden genausowenig wie Empfehlung von eigenen Ärzten oder Therapeuten.

Schließlich müssen wir noch auf das Thema der Gefährdung zur Suizidalität zu sprechen kommen. Hier gilt es die glasklare Devise

*FINGER WEG*

zu beachten. Die Verantwortung kann gar nicht erst angenommen werden, es ist also in jedem Falle professionelles Personal einzuschalten. Schon einfache Nachfragen können die Situation eskalieren lassen. Jedoch sollte das Einschalten der Profis transparent gemacht und entsprechend kommuniziert werden. Es ist also hilfreich, sich beim Antreten eines Jobs über solche Fälle Gedanken zu machen und die einzuschlagende Vorgehensweise bereits im Vorfeld mit den Mitarbeitern abzusprechen.

Dieses abschließende Modul habe ich zwar als sehr anstrengend aber in seiner Wichtigkeit nicht zu unterschätzen empfunden. Im Großen und Ganzen fühle ich mich für die Präsentation der Arbeiten und die zu leistende Tätigkeit gut gewappnet. Wann meine Recoverygeschichte begonnen hat, kann ich ebensowenig beantworten wie die Ursachen für meine Krisenerfahrung. Ex-In (Abkürzung für Experienced involvement) war und ist jedoch in jedem Falle hier ein wichtiger Schritt.

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