1, 2 oder 3

Sternzeit 1007,2

Bernie hatte schwer gesoffen. Als letztes, nachdem sein Besuch gegangen war und bevor er auf seine Matratze fiel, hatte er sich noch die Zähne geputzt. Er fiel in unruhige Träume. Um 5 Uhr 30 schellte seine Werkssirene, die ihm den bevorstehenden Montag ankündigte. Er torkelte aus dem Bett unter die Dusche, rasierte sich und nahm die U-Bahn zur Arbeit. Die Werbeagentur hatte viel zu tun. Neue politische Kampagnen wollten ausgedacht und nichtsnutzige Produkte wollten beworben werden. Das Betriebsklima war gut, auch wenn die Abteilung sich 2 Desktoprechner zu acht oder neunt teilen mussten. Gewiss, es war ein typischer ‘Blue Monday’ und 3 Kollegen waren gar nicht erst erschienen. So formulierte er in einem Tür- und Angelgespräch seine weiteren Ziele. Primär war das Anwesenheit, sekundär Sorgfalt und schliesslich als Tertiärziel die nackte Quantität des Arbeitspensums. Bernie, das Biberratteneichhörnchen und seine Nagerkollegen wollten sich nicht länger als Raucher und Nichtraucher auseinanderdividieren lassen. Es unterschied ja auch niemand zwischen Fussgängern, Bus- oder Fahrradfahrern. Vegetariern oder fleischfressenden Pflanzen. Wählern und Nichtwählern. Gesunden und Kranken. Rechts- oder Linkshändern oder Menschen mit oder ohne Sonnenbrille. Ein jeder hatte seinen Platz. Trotzdem war er an diesem Montag ganz besonders froh, als endlich der Feierabend nahte. Hatte er doch noch etwas zu regeln. Sein Leben hing inzwischen nur noch an einem seidenen Faden, aber er liess sich seine Träumereien nicht ausreden. Er wollte zurück in die Wildnis. Das ging nunmal nur mit Hilfe. Also fasste er das Monster der Korruption bei der Hand und bereitete sich auf seine Fortbildung vor. Wie bediene ich mein Telefon, während das Radio läuft ? Was mache ich, wenn ich am Zehnten keine Ravioli mehr habe ? Wie tippe ich mein Passwort ein, ohne den Blick vom Monitor zu wenden ? Wie werde ich dieses bescheuerte Facebook los ? Wie öffne ich mir beim Fahrradfahren einen Apfelsaft ?

Zu Hause angekommen, musste er sich schon wieder vor den Betreuern des Tierheims rechtfertigen. Als wenn nicht alles schon schlimm genug wäre… Der Dienstag würde kommen. Und am Freitag würde er wieder in seinem Sessel sitzen.

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