Der Herr

Sternzeit 0978,7

Der Herr der Gezeiten saß in seinem Schaukelstuhl und hörte Radio. Unendlich viel hatte er heute schon erledigt und unendlich viel würde er noch erledigen, aber nun gönnte er sich eine Ruhepause. Da war diese Mannschaft, die auf dem Weg zu ihm war. Er war sehr lange nicht auf der Erde gewesen. Um genau zu sein, fast 2000 Jahre lang. Ein Wimpernschlag, gewiss, aber länger als das Leben eines Bonobo. Er wusste, dass der Ameisenbär früher einer seiner Leute gewesen war, und nun war er Kapitän dieser tollkühnen Truppe. Den Delphin mochte er besonders gern leiden, darum hatte er den Liebeskummer vorübergehend von ihm genommen. Nicht für immer, aber sozusagen temporär. Die stotternde Fledermaus wusste nicht wie ihr geschah, im Moment war sie etwas verkrampft und würgte Nahrungsreste hervor. ‘Er ist da ! Er ist da !’ rief der Bär. Alle entspannten sich zusehends. Der Octopus änderte seine Farbe von tiefblau zu tiefschwarz. ‘H-h-hier bin ich. W-w-was wollte ihr ?’ sprach die Fledermaus mit piepsiger Stimme, die so gar nicht zu ihr passte. Oh, alles wird gut. Der Ameisenbär wagte nur zu flüstern : ‘Deinen Segen, Herr, nur deinen Segen. Wie Jakob.’ ‘I-i-ihr seid auf dem richtigen W-w-weg. Ihr schaft es nur als M-m-mannschaft.’ sprach die irdische Inkarnation in der Fledermaus. Der Herr der Gezeiten drehte das Radio etwas auf. Beim nächsten Gongschlag ist es 6 Glasen nach dem Wachwechsel. Es blitzte. Bevor unsere sieben Freunde den Donnerschlag hören konnten, wurde die Fledermaus ohnmächtig. Die Spinne biß ihr in den kleinen Zeh, um sie wieder aufzuwecken. Oh, was ging hier nur vor sich. ‘Er ist nicht sauer, er ist nicht sauer.’ wiederholte der Ameisenbär. Die Fledermaus kam zu sich. Es war windstill. Das Gewitter war einige Seemeilen nach Westen gezogen. ‘Anker auswerfen ! Abendbrot !’ rief der Ameisenbär. Jeder packte an und es gab Garnelen. Der Ameisenbär vervollständigte den einhundertdreiunddreißigsten Psalm im Logbuch und schickte alle in die Koje. Er wollte allein sein. Wir waren müde. Alle schliefen schnell ein, auch der Bär. Heute konnten wir es ohne Nachtwache wagen. Die Delphine hatten heute viel zu reden. Was hatte das zu bedeuten ? Unser Delphin würde sein Herz nicht nocheinmal hergeben. Trotz allem war er doch ein wenig traurig, das konnte wohl jeder nachvollziehen, aber er liess den Schweinehund keine Oberhand gewinnen. ‘Wo bist du ?’ flüsterte der Delphin. Dann schliefen auch sie. Kein Mond zu sehen.

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